Der Automat im Quer.
Fotografien von Ralf Hansen

Aufnahmezeitraum: seit 2007
Ausstellungen: Galerie im Keller 11/12.2009, Hannover;
40 Arbeiten (24 x 36 cm und 1 x  50 x 80 cm)


Einführungstext zur Ausstellung am 6 November 2009
Frauke Engel, Hannover:


Sehr geehrte Damen und Herren, lieber Ralf, liebe Freunde,

sie waren einfach weg.

Weg aus unserem Leben.
Weg aus unserer Wahrnehmung.
Weg aus unserem Gedächtnis?

Wirklich? Nachdem man durch einen Moment der Aufmerksamkeit, in der Winzigkeit eines Augenblicks darauf hingewiesen wird, sind sie wieder da. Es soll sie noch zu Hunderttausenden geben – sagen die Kenner der Branche. Und – das ist viel wichtiger – es gibt sie auch immer noch in uns.

Der, der uns alle wieder mit der Nase darauf stößt, ist Ralf Hansen. Bildender Künstler, Grafiker und Fotograf. Aus Husum gebürtig, lebt er seit 1990 in Hannover-Linden. Wir beide kennen uns seit unseren gemeinsamen Agenturtagen im Tiedthof. Damals unterhielt er noch sein Atelier auf dem Faustgelände und war auch noch malerisch unterwegs. Seitdem ist die Fotografie nicht nur in sein Leben getreten, sondern sein Lebenselixir geworden. Sie ist sein Medium, mit dem er seine Eindrücke, Ideen und Reflexionen wiedergibt. Eine Zeit lang unterhielt er in der Offensteinstraße eine offene Ateliergalerie. Hier konnten wir seine Linden-Fotos, aus denen Jahr für Jahr ein Kalender wird, Porträts und auch seine eindrücklichen Landschafts-/Küstenaufnahmen aus der Serie „Nah am Wasser“ betrachten. Ein Großprojekt der letzten Zeit war „FAN“. Hier hat er sich in der Fußballarena bewusst vom Spielgeschehen ab- und sich den Anhängern von 96 zugewandt. Ihre Porträts, ihre Einsamkeit in der Niederlage, ihre Begeisterung im Sieg prägen die in dieser Serie entstanden Schwarz-Weiß-Aufnahmen. Hansen, selbst dem Geschehen um das runde Leder zugeneigt, beobachtet hier eindringlich und sehr persönlich den menschlichen Typos „Fan“. Aus dieser Serie entstanden u.a. ein Buch, Ausstellungen und auch die gigantisch große Fotografie „Nordkurve“ von 23 x 3,5 m, die 2006 in der AWD-Arena installiert wurde. Aber seine Linden-Aufnahmen haben wohl die Macher der Galerie im Keller bewogen, hier eine Ausstellung mit Ralf Hansen zu inszenieren. Doch dies schien Ralf eher wie Eulen nach Athen zu tragen und so kam es, dass wir heute Abend vor dem „Automaten im Quer“ stehen.

Hier bei uns in Linden, zwischen Offensteinstraße und der Nieschlagstraße/fast der Badenstedter Straße, auf dem Heimweg also, fiel sein Blick auf sie: die Automaten. Da waren sie wieder. 14 Stück an der Zahl – nur auf einem Kilometer.

Und Ralf Hansen nahm die Fährte auf und es entstand eine nunmehr fotografische Sammlung von Kaugummi- und Spielzeugwarenautomaten, die noch beständig wächst. Zuerst in nächster Umgebung aufgenommen, dann auch auf Reisen – jetzt geht er gezielt auf die Suche. „Das Thema habe ich mir nicht ausgesucht, sondern es hat sich mir dargeboten,“ erzählt Ralf Hansen. Er habe sich „hineingefräst“ bzw. es habe sich seiner bemächtigt.

Hier und heute und bis kurz vor Weihnachten können wir allein 40 dieser Fotografien sehen. Es sind Farbaufnahmen in 24 x 30. Immer gleich aufgenommen, im Quer und immer mit einem beschreibenden Ausschnitt des Umfeldes, einer Verortung. Backsteinmauerwerk, schlichte, verputzte Wände, Wände mit aufgesetztem Quaderwerk, Türen und Fenster im Anschnitt, Hofdurchgänge, neben anderen Automaten – heute meist Kondom- oder Zigaretten-Automaten, über und neben dem typisch deutschen Jägerzaun, an der Bushaltestelle, eingequetscht zwischen Fallrohr und Schaufenster, mit Ausblick, vor Hecken, über Simsen, neben Geschäftseingängen, Zeitschriftenständern und Eisplakaten. Alles ist da und lohnt die genauere Betrachtung im Einzelnen, denn hier werden Geschichten erzählt. Lustige manchmal, befremdliche, meist aber traurige bzw. melancholisch stimmende. Diese Automaten, die auf einem mechanischen Prinzip basieren und die es jetzt seit 75 Jahren gibt – traten als Vending machines übrigens ihren Siegeszug nach dem zweiten Weltkrieg mit der Eroberung Deutschlands durch das Kaugummi an. Sie erinnern sich? Diese glänzend knallbunten, harten Kaugummikugeln, die schier nicht zu knacken waren, süß und eigentlich fad schmeckten? Ringe gab’s da oder andere kleine Plastikteilchen, deren Sinn man einfach nicht verstand. Für mich war eigentlich am schönsten, wenn man den Groschen in den Schlitz steckte, dann von diesem schleifend-kratzenden Geräusch begleitet, den Drehgriff betätigte, dann die Kugel in den Kanal befördert wurde und klackernd ihren Weg antrat. Dieser mechanische und hörbare, aber auch haptische Moment der Maschine machte mir am meisten Spaß. Klappe auf und das Entnehmen des Gekauften, war eigentlich schon uninteressant – außer es war meine Farbe Rot, dann war für mich die Welt wieder in Ordnung. Wissen Sie, das in der Automaten-Fachsprache dieser Freudenspenderteil „Durchfallmünzprüferaggregat“ genannt wird? Deutsch ist doch eine wirklich hübsche Sprache!

Bei deinem Thema, Ralf, kann man richtig philosophisch werden, schwelgt in Kindheitserinnerungen und kann soziologische Studien betreiben. Heute umgibt diese Geräte meist Tristesse. Sie hängen da rum, meist ohne Sinn und Verstand. Keine Fluchtlinien werden bei der Hängung eingehalten, manchmal weiß man nicht, sind sie bewusst dazwischen gequetscht worden oder haben die Wassertafeln, Rohre, Hausanschlüsse sie mit der Zeit immer mehr in die Bredouille gebracht? Häufig befinden sie sich in einem traurigen Zustand: Sind leer oder vergittert, wurden Opfer meist jugendlicher roher Gewalteinwirkung – ob besprüht, gegengetreten oder mit dem Feuerzeug angesengt, mag dahingestellt sein –, und werden als Abfalldepot genutzt. Sie finden einfach nicht mehr die Aufmerksamkeit, die ihnen einst zukam – wenigstens in Kinderaugen. Meist waren sie ursprünglich knallrot, mit weißen abgesetzten Flächen. Diese sind „dekoriert“: Graffitikürzel, schräg angebrachte, dann wieder halb weggekratzte Aufkleber, Ritzungen, Gebrauchsspuren vom Schleifen der Münzen vor dem Einwerfen, Nachrichten usw. Es können Einschächter sein, meist sind es Automaten mit zwei oder drei Schächten, manchmal auch mit vier. Gefüllt mit allerlei Kram, meist heute in einer Plastikverpackung – wegen der Hygienevorschriften. Die Ü-Eier – eine der größten Marketingideen unserer Zeit –, das Merchandising-Zeug vom allgegenwärtigen Disney-Konzern, das zum Beispiel die Mc Donalds, Burger Kings dieser Welt überschwemmt, aber auch die Euroumstellung – denn eine Neuausrüstung lohnt sich für viele Betreiber nicht – haben den schleichenden Exitus eingeleitet. Etwas Retro-Geist kann ein Aufflackern bewirken, aber eigentlich sind sie ein Auslaufmodell, in manchen Stadtteilen oder Dörfern sind sie rar, gar weg. Warum es dann noch so viele gibt? Ja, das stimmt, in manchen Vierteln sind sie noch überproportional vertreten, aber sehr oft, wäre das Abbauen und Abtransportieren teurer. Aber Sie haben Recht: Es existieren auch noch wohl bestückte, gepflegte Exemplare, zum Beispiel neben türkischen Obst- und Gemüsegeschäften, wobei dort die Wassermelonen und die andere Auslage den Betrieb bzw. Zugriff bisweilen auch erschweren, neben Kiosken und Kneipen. Also ganz dürfen wir den Automaten nicht aufgeben.

Einen Beitrag dazu hat auch Ralf Hansen geleistet. Sein Blick durch die Linse fängt diese Welt ein. Er beschreibt die Verortung eines jeden Automaten und erzählt damit dessen Vita. „Was ich wesentlich finde, sind die sich ergebenden Ebenen. Zum Beispiel ganz oben – wie ein schlecht platziertes Label – ein Aufkleber, dann frontal der Automat als ungeschöntes Porträt, dahinter der Ausschnitt Landschaft oder Wand. Durch diesen Bildaufbau versuche ich eine Geschichte mit einzelnen Kapiteln innerhalb einer Fotografie zu erzählen. Eine Atmosphäre zu schaffen. In Serie sind das dann viele.“ Es ist Ralfs typischer strukturierter, grafisch geprägter Blick, der auch in seinen anderen Arbeiten besticht. Aber gerade dadurch und durch das kategorische Quer entsteht eine ganz eigene Ästhetik. Der rote, abgenutzte Apparat mit den gelben und weißen Schmierereien vor der dunklen Wand und der grüne Fensterrahmen – das Plakatmotiv – gehen eine direkte Symbiose ein. Das Komplementärsystem Rot und Grün funktioniert auch hier wieder und das bewusst Ausschnitthafte erhöht die Banalität zur Kunststruktur. Nicht der an der Wand hängende Automat ist Kunst, er wird es erst durch Ralf Hansens Komposition. Einer meiner Lieblinge ist „Amore“. Links der angeschnittene Zigaretten-Automat mit wirrer Oberfläche, dann das obligatorische Fallrohr und dann die Stars: Zwei unterschiedliche Ein-Schacht-Automaten übereinander platziert, nicht bündig, gekrönt durch eine leere Asti-Flasche, am Rande des Gebäudes mit der cremefarbenen Rillen-Verputzung aus den 50zigern, knapp vor dem nächsten Anschlussbau, auf dessen weißer Wand in zart verblasstem Pink Amore steht. Das Foto wäre langweilig ohne die Flasche und das an die weiße Hauswand gelehnte Fahrrad, dessen Vorderreifen bzw. Schutzblech fast den unteren Apparat berührt. Hier erzeugen zufällige Zutaten eine ganz eigene Verbindung und setzen alle Dinge in Beziehung. Die „Liebe“ kombiniert mit dem Transportmittel, die abgewrackten Automaten als Abstellfläche der leeren Pulle, die nicht zerdonnert, sondern auf der „Anrichte der Straße“ nach einer Zeche abgesetzt wurde, gestalten eine Szenerie unserer Umwelt. Ralf Hansen lenkt also den Blick auf unsere Gesellschaft, unsere „Zustände“, auf unsere tagtägliche Alltäglichkeit, die durch den anderen Blick im Quer, nämlich den Flimmerkasten, häufig eine andere Wahrnehmungsebene gefunden hat.

Im Quer ist eine Formatsangabe. Aber auch mehr: Denn Querdenken, Quersehen und Quersein ist eine Möglichkeit Aufmerksamkeit zu erzielen und auch manchmal Dinge überhaupt sichtbar zu machen. Dies muss ich wohl in diesem Hause kaum betonen.

Ralf Hansen ist sich noch nicht sicher, was diese Querserie künstlerisch für ihn bedeutet. Ist sie eine Bestandsaufnahme, ein Sammelfimmel oder führt sie zu neuen Herausforderungen. Seien wir gespannt, was folgen mag! Es wird sicher noch interessante, verblüffende Aspekte geben, die uns vielleicht an diesem oder einem anderen Ort wieder zusammenfinden lassen. Bis dahin viel Spaß bei der Betrachtung der Bilder und vielen Dank für Ihr Zuhören.